Kenias Völker und ihre Kulturen
So vielfältig wie das Land, so unterschiedlich sind die Bewohner Kenias, in dessen Staatsgebiet etwa 32 Millionen Menschen leben, die mehr als 40 ethnischen Gruppen angehören. Hier leben Afrikaner aus allen Teilen des Schwarzen Kontinents zusammen mit den Nachfahren der Einwanderer aus Europa und Asien. Das kenianische Volk unserer Zeit ist aus verschiedenen historischen und neuzeitlichen Einwanderungsbewegungen hervorgegangen. In den vergangenen Jahrtausenden waren es Stämme aus ganz Afrika, die in diese fruchtbare ostafrikanische Region zogen. Sie dürfen daher als Vorfahren aller afrikanischen Volksgruppen im modernen Kenia gelten. Eine der größten afrikanischen Einwanderergruppen waren die Bantu, die in mehreren Wellen aus dem Westen und Südwesten nach Ostafrika kamen, zu den Bantu sprechenden Völkern gehören auch die Kikuyu, die heute mit über fünf Millionen die zahlenmäßig stärkste Ethnie sind. Sprecher nilotischer und kuschitischer Sprachen dagegegen zogen aus dem Norden beziehungsweise Nordosten des Kontinents hierher.
Die kuschitischen Volksgruppen bahnten sich von der somalischen Halbinsel in zahlreichen Kämpfen ihren Weg nach Süden, wobei sie die Bantu und Araber aus ihren Küstensiedlungen vertrieben. Danach schwenkten sie landeinwärts ins zentrale Hochland. Die kuschitische Sprachgruppe teilt sich deutlich in zwei Untergruppen. Zur größten gehören die Somali, die als
Hirtennomaden den östlichen Teil der nordöstlichen Dürregebiete Kenias besiedeln. Die Stämme der zweiten Untergruppe leben im westlichen Teil dieser Region, zu ihr rechnet man vor allem die Rendille und Orma. Die Sprecher kuschitischer Sprachen leben in einer Region, die nicht für den Ackerbau geeignet ist. Ihr Hirtenleben ist daher eine Anpassung an die schwierigen Umweltbedingungen. In den letzten Jahren hatte man in dieser Region mit einer deutlichen Verschlechterung der Lebensbedingungen zu kämpfen; die zunehmende Bodennutzung durch Mensch und Vieh hatte fatale Effekte für die schützende Pflanzendecke, weshalb es zu einer Zunahme der wüstenähnlichen Flächen kam.
Die größte afrikanische Bevölkerungsgruppe sind auch heute noch die Bantu, deren Sprache zur Niger-Kongo-Sprachfamilie gehört. Nach der Volkszählung von 1989 beträgt der Bantu-Anteil an der Gesamtbevölkerung 60 Prozent, und alles weist daraufhin, dass diese Zahl — wegen der vergleichsweise höheren Geburtenrate bei einer gleichzeitig niedrigeren Sterblichkeitsrate -noch zunehmen wird. Gegenwärtig konzentrieren sich die Bantu-Völker südlich einer gedachten Linie zwischen dem Mount Elgon und der Stadt Lamu am Indischen Ozean. Dort treten sie vorwiegend in drei geografischen Regionen auf: im Viktoria-See-Becken, in den East Rift Highlands und im Küstengürtel. Zur Hauptgruppe der Bantu zählen neben den Kikuyu auch die Embu, die Meru, die Mbere, die Wakamba und die Tharaka. Sie leben hauptsächlich im fruchtbaren Zentralen Hochland, das von den Nyambene Hills im Distrikt Meru und der Nord- und Südseite des Mount Kenya bis zu den ersten Anhöhen der Nyandarua-Berge reicht. Der Rest der afrikanisch-stämmigen Kenianer lässt sich, grob gesagt, zwei weiteren Sprachgruppen zuordnen: der nilotischen und der kuschitischen. Vertreter des Nilotischen sind die Luo, die Kalenjin, die Masai und verwandte Stämme. Kalenjin und verwandte Masai-Gruppen waren ursprünglich Hirtenvölker, die in einer Reihe von Nord-Süd-Wanderungen fast das ganze Land durchquerten. Sie kamen dabei mit den kuschitischen Gruppen der nördlichen Dürre-Regionen in Berührung. Später wurden diese Wanderungen durch die weiße Großagrikultur im Hochland weitgehend gestoppt. Heute betätigen sich die einstigen Hirten meist im Ackerbau.
Auffällig ist, dass es keinen Stamm in Kenia gibt, der letztlich dominiert. Zwar ist die Bantu-Gruppe zahlenmäßig die größte, aber aufgrund ihrer kulturellen und geografischen Zersplitterung spielt sie als politischer Faktor keine Rolle; die Kikuyu sind die größte Ethnie, mit einem Anteil von 20 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Die sieben größten Stämme Kenias zusam-
men - die Kikuyu, Luhya, Luo, Wakamba, Kalenjin, Kisii und Meru - haben zusammen einen Anteil von 81,3 Prozent an der Bevölkerung, dabei schneiden die Bantu-Stämme mit 60 Prozent gegen die Vertreter der nilotischen Sprachen gut ab.
Die Grenzen des jungen Staates Kenia sind eine Folge der Kolonialzeit, als Engländer und Deutsche Ostafrika nach ihren Vorstellungen aufteilten und sich nicht um die angestammten Landrechte der dort lebenden Menschen kümmerten. So entsprechen die Landesgrenzen Kenias auch nicht den Siedlungsräumen der Ethnien. Zum Beispiel erstrecken sich die Wandergebiete der Masai, die sie seit Generationen nomadisierend durchziehen, weit ins benachbarte Tansania hinein.
Völkerwanderungen
Die ersten Einwohner Kenias waren Jäger und Sammler, die die offene Savanne und die trockenen Waldgebiete bewohnten. Diese Gruppen lassen sich ethnisch kaum einordnen. Festzuhalten ist, dass die kuschitischen Gruppen, die vom äthiopischen Hochland aus nach Süden vorgedrungen waren, schon um die Zeitenwende den Bereich des heutigen Nordtansania erreicht hatten, wo sie dann von nilotischen Gruppen und den Bantu verdrängt wurden. Außerdem ist bereits für die Zeit um 6000 v. Chr. ein allmählicher Wechsel von der Wirtschaftsform der Jäger- und Sammlerkultur zum Ackerbauerntum nachweisbar. Und um 1000 v. Chr. waren Hirtenstämme bereits über Kenia und ganz Ostafrika verstreut. Diese Entwicklung förderte die allgemeine Tendenz zur Sesshaftigkeit, die wiederum ein größeres Bevölkerungswachstum und eine entsprechende räumliche Ausbreitung der diversen Gruppen auslöste. Um 1000 n. Chr. waren daher Ackerbau und Weidetierhaltung die vorherrschenden Lebensformen; die bis dahin noch blühenden Jäger- und Sammlergemeinschaften waren allmählich in Randgebiete zurückgedrängt worden. Die Kuschiten konnten sich einer völligen Unterwerfung und Absorption durch andere Stämme widersetzen. Ihre Nachkommen, darunter die Somali, die Galla oder Oromo, die Rendille und die Boni, besiedeln heute die nördlichen und östlichen Teile Kenias. Die Vorfahren der Omo-Tana-Kuschiten hatten ihren Ausgangspunkt im Gebiet zwischen Abaya- und Turkana-See.
500 n. Chr. war das Gebiet zwischen dem Lake Turkana und dem Indischen Ozean von Vorfahren der Jabarti, Boni und Somali besiedelt, die vor allem Kamelzüchter waren. Die Galla (Oromo) kamen in mehreren Wellen aus dem äthiopischen Hochland und hatten Mitte des 16. Jh. den Fluss Juba erreicht. Ihre Verdrängung durch die Somali reichte dann bis in unser Jahrhundert hinein. Die Bantu, deren Sprachen die mit Abstand größte Sprachgruppe Kenias bilden, drangen vom Süden und Westen her in das Land ein. Seit Beginn der christlichen Zeitrechnung breiteten sie sich vom Staatsgebiet des heutigen Kamerun nach Zentral- und Ostafrika aus. Die Wanderbewegung der Bantu nach Kenia und ihre Ansiedlung dauerte bis ins zweite Jahrtausend an. Einmal schoben sie sich entlang der Küste so lange nach Norden, bis sie auf die Galla und Somali stießen, die sie vermutlich zum Rückzug nach Süden zwangen. Auf diese Art und Weise, sagen die Mijikenda, seien sie nach Shungwaya, in jenes rätselhafte Reich irgendwo im Norden Kenias, gekommen. Die zweite Bantu-Welle ging von der Küste ins Hochland, was durch die Überlieferungen der Meru und Wakamba bestätigt wird. So bewegten sich die Wakamba etwa zwischen 1450 und 1550 nach und nach vom Kilimadscharo-Gebiet nach Ukambani. Ungefähr zur gleichen Zeit setzte sich der Rest der Mount-Kenya-Stämme, die Chuka, Mbere, Embu, Ndia, Gicugu und Wakikuyu in Bewegung und wanderte von Tiggania und Igembe zur nordöstlichen Spitze von Meru. Sie umgingen das Hügelland von Meru und bewegten sich südwärts durch den Ntugi-
Wald über Igambangombe, Kiambere und Ithanga, bevor sie schließlich gegen Ende des 16. Jh. ins Wakikuyu-Land vorstießen. In den drei Jahrhunderten danach konsolidierten sich diese Gemeinschaften und expandierten weiter. So breiteten sich zum Beispiel die Wakikuyu nach Murang'a, Nyeri und Kiambu aus.
Große Teile Westkenias waren ursprünglich bis zum Ende des 16. Jh. von den nilotischen Kalenjin-Gruppen besiedelt, und die Vorfahren des Bantu-Stammes der Luhya besiedelten nur kleinere Einschlüsse des südlichen Baluhya-Gebietes. Doch gegen Ende des 16. Jh. und zu Beginn des 17. Jh. strömten weitere Bantu-Stämme aus Uganda ein, die teilweise von den Luo-Niloten dorthin vertrieben worden waren. Sie waren die Vorgänger der heutigen Tiriki, Wanga, Bukhoya, Maragoli und Marachi. Gleichzeitig gingen Masai- und Nandi-Gruppen in den Bantu auf, was sich am Aufgeben ihrer Sprache und ihrer Kultur zeigte. Es kam zu weiteren Einwanderungswellen, und um 1870 war das Baluhya-Gebiet vollständig besiedelt. In den gleichen Zeitraum fällt der Vormarsch der Gusii in ihre heutigen Lebensräume. Die Niloten, die beträchtliche Teile Ostafrikas besiedeln, lassen sich in drei Gruppen unterteilen: die Fluss-See-Niloten, die Flachland- sowie die Hoch-land-Niloten. Die Geschichte der Flachland-Niloten ist uns, anders als die der Fluss-See-Niloten, nicht vollständig überliefert. Immerhin deuten jüngere Untersuchungen darauf hin, dass ihre ursprüngliche Heimat in der Region des Turkana-Sees gelegen haben muss. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung kamen die Hochland-Niloten mit ihren Nachbarn, den östlichen und südlichen Kuschiten in näheren Kontakt. So wanderten zum Beispiel die Vorfahren der Kalenjin nach Süden in die Uasin-Gishu-Ebene. Im Lauf des zweiten Jahrhunderts spaltete sich diese Gruppe auf, und zwar in Elgon, Pokot, Nandi und Süd-Kalenjin. Die Süd-Kalenjin setzten ihre Ausbreitung nach Süden fort und kamen dabei bis nach Nordtansania. Um das Jahr 1600 war dieser Prozess offenbar so gut wie beendet. Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der endgültigen Form der Kalenjin-Gesellschaft spielten auch die Masai. Im 18. Jh. spalteten die Masai, die Buch in der Uasin-Gishu-Ebene siedelten, die Nandi-sprechenden Kalenjin in zwei Großgruppen: eine östliche, aus der die heutigen Tugen, Marakwet und Keiyo hervorgingen, und eine westliche, zu der die Nandi und Kipsigi zählen. Um 1850 hatten sich die Masai, die vorallem für ihre Kampfestüchtigkeit berühmt waren, als einer der mächtigsten nilotischen Stämme in Ostafrika etabliert. In der nilotischen Sprachgruppe existiert eine der kleinsten ethnischen Gemeinschaften Kenias: die El Molo, die bei der Volkszählung von 1979 nur noch 538 Stammesangehörige umfassten. Seitdem sind die Zahlen weiter zurückgegangen, so dass die Regierung vor kurzem Sondermaßnahmen beschlossen hat, um ihr Aussterben zu verhindern. Die El Molo sind ein Seitenzweig der Turkana und leben als Fischer am Turkana- und am Rudolf-See. Dass man sie heute der nilotischen Sprachgruppe zuordnet, ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie schnell Kulturen und Sprachen im Wandel der Zeiten untergehen und mit anderen verschmelzen können. Bis vor kurzem nämlich sprachen die El Molo noch ihre angestammte kuschitische Sprache, doch die Vermischung mit den benachbarten Samburu brachten ihnen eine neue, nilotische Sprache und zahlreiche neue Kulturelemente. Man versteht die verschiedenen kenianischen Stämme und Untergruppen besser, wenn man sich vor Augen hält, welchen Einfluss die jeweilige geografische Lage ihres Siedlungsgebietes auf ihre Entwicklung hatte. So hat die wasserreiche Landschaft Zentralkenias mit ihren Tälern und Höhenzügen die sozialen und politischen Institutionen der Wakikuyu ebenso geprägt, wie die Fischervölker der Fluss-See-Niloten ihr Leben und ihre Traditionen auf die Rahmenbedingungen eines Fluss- und Seengebietes abgestimmt haben. Die Kuschiten wiederum, deren Heimat Regionen mit extremen klimatischen Bedingungen sind, waren schon immer auf die Zucht von Kamelen, Schafen, Ziegen und auch Rindern angewiesen. Das anspruchslose Kamel spielt bei ihnen traditionellerweise eine große Rolle als Lieferant von Milch, Fleisch und Leder, wobei letzteres auch für den Bau der Zelte von großer Bedeutung ist. Außerdem ist es immer noch Transportmittel Nummer eins für die nomadisierenden Kuschiten. Nach den letzten Volkszählungen gibt es 38 Stämme im Land, wobei nicht-kenianische Afrikaner und andere Gruppen nicht mitgerechnet wurden. Diese Zahl vernachlässigt auch diejenigen Stämme, die mit anderen Stämmen Sprachgemeinschaften bilden wie etwa die Kalenjin, die Mijikenda oder die Luhya. So ist Kalenjin eigentlich ein Oberbegriff für verschiedene ethnische Gemeinschaften, die aufgrund ihrer Sprachverwandtschaft, der geografischen Lage und aufgrund politischen Kalküls zusammengewachsen sind. Zu den Kalenjin zählen Nandi, Kipsigi, Tugen, Marakwet und Keiyo. Sie bewohnen allesamt benachbarte Distrikte im Rift Valley. Zu den Mijikenda gehören dagegen neun Stämme beziehungsweise Untergruppen, deren Sprachen sich so ähneln, dass man sie als Dialekte ein und derselben Sprache auffassen könnte. Im einzelnen sind da zu nennen: die Digo, Rabai, Giriama, Kauma, Ribe, Kambe, Jibana, Chonyi und Duruma. Sie leben alle in der Küstenprovinz Kenias.
Ähnliches ist über die Luhya zu berichten, die eigentlich keinen einzelnen Stamm, sondern eine Gruppierung von 16 Stämmen darstellen, die sich möglicherweise zu ihrer besseren Verteidigung zusammengeschlossen haben. Ihre Idiome ähneln sich ebenfalls sehr, was auch bei anderen Bantu-Gruppen nicht ungewöhnlich ist. Zu den Luhya gehören die Maragoli, im Augenblick die führende Gruppe hinsichtlich Größe und Entwicklungsstand, außerdem die Bunyore, Tiriki, Marachi, Isukha, Idakho, Tachoni, Kabras, Wanga, Bukhayo, Samia, Abanyala ba Ndombi, Marama, Kisa und Bukusu.
Unterschiedliche Lebensbedingungen bewirkten bei den verschiedenen Volksgruppen unterschiedliche Bräuche und Daseinsformen. Die folgende Skizzierung einiger kenianischer Volksgruppen soll einen kleinen Einblick in das traditionelle Leben der afrikanischen Bevölkerung Kenias geben.
Die Kikuyu
Das Hauptsiedlungsgebiet der Kikuyu, der größten ethnischen Gruppe Kenias, sind die Distrikte Murang'a, Kiambu und Nyeri in Zentralkenia. Das fruchtbare Land förderte ihre Entwicklung zu erfolgreichen Bauern, und Landbesitz hat bei den Kikuyu traditionell einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Aber sie gelten nicht nur als gute Landwirte, sondern auch als begabte Händler und Unternehmer.
Heute leben viele Kikuyu in Nairobi und bekleiden wichtige Positionen in Wirtschaft und Politik. Auch Jomo Kenyatta, der erste Präsident des unabhängigen Kenia, war ein Kikuyu. Die Mythen der Kikuyu erzählen von einem Stammelternpaar namens Gi-kuyu und Mumbi. Ihr Gott Ngai schuf den Berg Kirinyaga und wies dem Mann Gikuyu seinen Anteil an den Tälern und Tieren zu. Vom Gipfel des Berges aus zeigte der Gott Gikuyu die Schönheit des Landes, besonders einen Platz unter großen Feigenbäumen, an dem Gikuyu sein Heim errichten sollte. Dort fand er Mumbi, die er zur Frau nahm und mit der er neun Töchter hatte. Die Töchter wurden erwachsen, und nirgends war ein Mann, den sie hätten heiraten können. Gikuyu flehte Ngai um Hilfe an und brachte ihm ein Lamm und ein Zicklein als Opfer dar. Und als er das nächste Mal die Opferstelle betrat, warteten dort neun Männer auf ihn, die er glücklich zu seiner Familie brachte. Doch mit der Heirat war Gi-kuyu nur einverstanden, wenn die Männer versprachen, nach der Hochzeit nicht mit ihren Frauen wegzuziehen, und wenn sie das Matriarchat anerkannten. So lebten sie alle weiter als Gruppe zusammen, die sich zu Ehren der Mutter „Mbari ya Mumbi" nannte. Erst als die Eltern gestorben waren, gründete jede Tochter mit ihren Nachkommen einen eigenen Familienverband, doch das Zusammengehörigkeitsgefühl der einzelnen Clans blieb weiter bestehen. Über viele Generationen herrschten die Frauen über die Familie, so wie es vereinbart worden war. Doch den Männern missfiel im Lauf der Zeit die immer anmaßendere Haltung der Frauen und die Vielmännerei. So verschworen sie sich gegen sie, doch nicht mit Gewalt, sondern mit List und Tücke. Die Frauen wurden umworben und verführt, und als alle Frauen schwanger waren, übernahmen die Männer die Herrschaft. Von da an war alles umgekehrt: Oberhaupt der Gemeinschaft waren jetzt die Männer, die ebenfalls polygam lebten. Das einzige Privileg, das man den Frauen ließ, war, dass sie die Namenspatroninnen der neun wichtigsten Kikuyu-Clans blieben.
Die Luo
Der zweitgrößte Stamm Kenias sind die Luo, die sich vor allem in der Nähe des Viktoria-Sees in den Distrikten South und North Nyanza angesiedelt haben und dort von Fischfang und Landwirtschaft leben. Auch aus ihren Reihen sind viele bedeutende Politiker hervorgegangen. Früher lebten die Luo als halbnomadisierende Viehhirten, doch wegen ihres starken Bevölkerungszuwachses wanderten sie ins Hochland und ließen sich dort als Bauern und Fischer nieder.
Hatte für sie ursprünglich Landbesitz keinen besonders hohen Wert, änderte sich das mit der Sesshaftigkeit. Land war das gemeinsame Eigentum des Volkes und sicherte die soziale Stellung jedes Einzelnen. Die Zuteilung der Felder entschied der Ältestenrat nach den Bedürfnissen und der Größe einer Familie. Die intensive Missionsarbeit in Westkenia, die während der Kolonialzeit zahlreiche Schulen und Ausbildungsstätten entstehen ließ, bewirkte auch, dass der Bildungsstand der Luo im Vergleich mit anderen Bevölkerungsgruppen sehr hoch war. Die Folge war unter anderem, dass sich früher ein Großteil der politischen Führer aus den Reihen der Luo rekrutierte. Das Volk der Luo hat so berühmte Persönlichkeiten wie Tom Mboya und Oginga Odinga hervorgebracht. Odinga, Oppositionsführer und Verfechter der Demokratie, starb im Januar 1993. Neben ihren politischen Aktivitäten sind die Luo jedoch vor allem als besonders geschickte Fischer bekannt. Im Winam-Golf und an den Ufern des Viktoria-Sees fangen sie mit Schwebenetzen oder Angeln den Tilapia.
Die Masai
Der bekannteste Stamm Kenias sind die Masai, die heute im Süden des Landes leben. Ein Teil des kriegerischen Hirtenvolkes lehnt noch immer alle Neuerungen der modernen Zeit ab und ist stolz auf seine althergebrachten Traditionen. Die Sprachforscher ordnen die Masai der Gruppe der Ostniloten zu, deren Sprache, das Maa, allerdings stark vom Kuschitischen beeinflusst ist. Zu den Maa-sprechenden Völker gehören außerdem die Samburu und die Njemps. Bis heute ist die Geschichte der Masai wenig erforscht. Als sicher gilt, dass sie bis ins 15. Jh. in der Gegend um den Turkana-See lebten. Nur langsam zogen sie von dort in kleinen Gruppen weiter südwärts. Über lange Zeit waren sie unbestrittene Herrscher in den weiten Savannen Zentralkenias und im Süden des Landes bis weit nach Tansania hinein. Im 19. Jh. kam es zwischen den verschiedenen Stämmen der Masai zu Auseinandersetzungen über Viehdiebstähle und Weideansprüche, die hauptsächlich dadurch entstanden, dass ein Teil der Masai sesshaft wurde, während der andere das Nomadenleben fortsetzen wollte. Die Streitigkeiten gipfelten in einer verzweifelten Schlacht in der Nähe von Nakuru, bei der der Laikipia-Stamm von seinen Gegnern über den Abgrund des Menengai-Kraters in den Tod gestürzt wurde. Die wenigen Überlebenden des Laikipia-Stammes wurden in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Im Gegensatz zu vielen anderen Volksstämmen arbeiteten die Masai in den Anfängen der Kolonialzeit mit den Engländern zusammen. Selbst als immer mehr Einwanderer ins Land drängten und den Masai ihre angestammten Weidegründe streitig machten, wehrten sie sich kaum. Und auch dem Bau der Eisenbahn, die mitten durch ihr Land ging, setzten sie wenig Widerstand entgegen. Einer der Gründe dafür war eine verheerende Rinderpest, die neun Zehntel ihrer Herden dahingerafft und damit zugleich ihre Macht gebrochen hatte. Gegen ihren Willen wurden die Masai in das unfruchtbare Savannengebiet im Süden des Landes, in die Gegend des späteren Masai-Mara-Reservates, umgesiedelt. Und auch in den folgenden Jahrzehnten wurde das Weideland für die Masai immer knapper. Die Erschließung der Nationalparks Masai Mara, Amboseli und auf der tansanischen Seite der Serengeti verbieten ihnen, in diesen Zonen weiter ihre Rinder weiden zu lassen. Außerdem kauften die Kikuyu viel Land auf und wandelten es in Ackerland um. Für ein Nomadenvolk, das seit Urzeiten ohne Staats- und Besitztumsgrenzen lebt, bedeutet dies alles eine ungeheure Einschränkung. Nach der mündlichen Überlieferung der Masai wie der Somali war Maa der Urvater beider Stämme, und als legendäre Ahnen der Masai gelten die Parakwo. Sie waren Gottes auserwähltes Volk, das seine Rinder direkt vom Himmel erhielt. Noch heute behaupten die Masai, dass alle anderen Völker nur deswegen Rinder besitzen, weil man sie den Masai in grauer Vorzeit geraubt hat. Um so unverständlicher müssen ihnen die heutigen Gesetze in Kenia erscheinen, die ihnen verbieten, sich diese Rinder bei ihren Nachbarn wiederzuholen. Kaum ein anderes Volk hält so stark an seinen traditionellen Sitten und Bräuchen fest wie die Masai. Ihr wichtigstes Gut ist das Vieh, wogegen Landbesitz für das Nomadenvolk überhaupt keine Rolle spielt. Von großer Bedeutung ist für den Masai die Anzahl seiner Rinder, und nicht, wieviel Fleisch oder Milch sie geben. Die Nahrung der Masai besteht hauptsächlich aus Milch, Hirse, Mais und Blut, das den Rindern abgezapft wird. Sie leben in Hütten, die im Rund zu so genannten bomas angeordnet sind und beim Weiterziehen zurückgelassen werden. Am nächsten Ort baut man dann neue Hütten aus Ästen, die mit einer Schicht aus Lehm und Kuhdung verbunden werden. Ein Dornenzaun bietet Schutz vor wilden Tieren. Als Lasttiere für den Hausrat dienen Esel.
Das Zugehörigkeitsgefühl eines Masai-Mannes zu seiner Altersgruppe ist aber ebenso wichtig wie das der Clanzugehörigkeit. Alle männlichen Masai durchlaufen während ihres Lebens drei Abschnitte: nach der Kindheit bedeutet die Beschneidung im Alterzwischen 14 und 18 Jahren den Übergang in die Altersgruppe der Krieger, die in der Masai-Sprache moran genannt werden. Für diese Gruppe gilt eine Reihe Tabus wie etwa das Alkoholverbot. Die Moran leben mit den übrigen Kriegern ihrer Altersgruppe und den gleichaltrigen Mädchen in Hütten zusammen. Zu den Mutproben, die vor allem früher üblich waren, gehört für einen Krieger das Erlegen eines Löwen mit dem Speer. Innerhalb der Gemeinschaft hatte er von alters her keine andere Aufgabe, als das Vieh zu bewachen und die Sippe gegen Feinde zu verteidigen. Die Moran erkennt man an ihrer kunstvoll geflochtenen langen Haartracht. Und es scheint so, als wäre den jungen Masai ihr Aussehen ebenso wichtig, wie das bei Gleichaltrigen in Europa oder Amerika üblich ist. Nur ist es hier nicht die modische Kleidung, sondern es sind Haartracht und Schmuck, worauf man besonderen Wert legt. Mit der Heirat und dem Abscheren der langen Haare beginnt nach weiteren sieben oder acht Jahren der nächste Lebensabschnitt. Jetzt gehören die jungen Männer zur Gruppe der Ältesten, die in Versammlungen die Entscheidungen für die Sippe treffen und ansonsten ein relativ ruhiges Familienleben führen.
Die Mijikenda
Die Mijikenda behaupten von sich, ihr Ursprungsort sei Shungwaya, ein mythischer Ort, der irgendwo nördlich der Insel Pate liegen soll. Heute leben sie im Kwale- und Kilifi-Distrikt. Sich selbst nennen die Mijikenda Makaya Chenda. Und sie sind das Volk, das in den Aufzeichnungen von Europäern des 18. Jh. immer unter den Namen Wanyika oder Monica, „Menschen der Wildnis", auftaucht. Damals standen die Mijikenda in engem Kontakt mit der Stadt Mombasa, für die sie als Zwischenhändler Elfenbein und Holz von den Völkern im Landesinneren aufkaufte.
Die Mijikenda teilen sich in neun Volksgruppen auf: in die Digo, Rabai, Giriatna, Kauma, Ribe, Kambe, Jibana, Chonyi und Duruma. Der berühmteste Stamm unter ihnen sind heutzutage sicher die Giriama, die schon früh eine interessante Tanz-und Musikkultur hatten und vor allem bei den Küstenurlaubern für ihre Tanzvorführungen bekannt sind. Ihr wichtigstes Musikinstrument (und ein beliebtes Souvenir) ist die kayamba, die aus mit Körnern gefülltem Schilfrohr besteht, und die chivoli, eine Flöte.
Die Turkana
In ethnischer Hinsicht sind die Turkana des nordwestlichen Kenia nomAdische Nilo-Hamiten, die das Gebiet zwischen dem Turkana-See im Osten und dem Grabenbruch an der Grenze zu Uganda im Westen durchstreifen. Die Stadt Lodwar ist Sitz der Bezirksverwaltung dieser Region. Das Volk der Turkana setzt sich zusammen aus den Nimonia, einem in den Waldgebieten lebenden Stamm, und den Nocuro, einem Stamm, der vorwiegend in der Savanne lebt. Beide Stämme sind in 20 Clans gegliedert, die sich ategerin nennen und in einem übergeordneten Verband, dem adakar, lose zusammenleben. Jeder Turkana-Mann ordnet sich einer von zwei totemistischen Gruppen zu, entweder den nimur (Steine) oder den neisai (Leoparden). Die britische Kolonial-Administration, nur äußerst gering am Stammesleben der Turkana interessiert, wusste lediglich, dass diese Menschen angeblich „von gigantischer Größe und extrem wild" waren. Geschichtlich erwiesen ist, dass die Turkana in den 1850er Jahren die Masai vertrieben und selbst oft von den Äthiopiern überfallen und versklavt wurden. Deutsche Forscher bemerkten, die Turkana seien „hochgewachsen, schlank und eindrucksvoll, mit hohen Wangenknochen, Adlernsen und schmalen sehr unnegroiden Lippen. Sie tragen Kopfschmuck aus Straußenfedern, Perlen und Metallspangen als Armbänder um den Bizeps und, ausschließlich bei Zeremonien, Umhänge aus Leopardenfell."
Die Turkana ernähren sich unter anderem von Fleisch und Blut ihrer Rinder. Kamele sind ein wichtiges Statussymbol, während Esel ausschließlich als Packtiere dienen. Schafe und Ziegen beenden ihr Leben als Mahlzeit für Gäste, Opfer bei Ritualen oder Dörrfleisch. Große Mengen von Frischmilch werden gekocht, auf Lederhäuten getrocknet und in Pulverform später weiterverwandt. Die leicht verdauliche Kamelmilch, mit ihrem niedrigen Fettgehalt, dient zur Ernährung von Säuglingen. Beeren werden entweder getrocknet und pulverisiert, oder mit Blut vermischt und dann zu Kuchen weiterverarbeitet. Während der Feuchtzeiten wird in der Nähe von Wasserläufen Hirse angebaut. Trotz der riesigen Fischmengen im Turkana-See, der nach ihnen benannt wurde, fangen die Turkana nur in Dürre- oder Hungerzeiten Fische. Die traditionelle Wohnstätte der polygamen Turkana wird vom Familienoberhaupt, seiner Hauptfrau und deren Kindern bewohnt, während die jeweiligen Nebenfrauen mitsamt ihren Kindern wie auch verheiratete Söhne in eigenen, voneinander abgegrenzten Bereichen leben. Der Haupteingang einer Turkana-Wohnstätte ist immer gen Osten ausgerichtet. Wie viele andere ethnische Gruppen Kenias haben auch die Turkana ihre Gebrauchsgegenstände im Lauf der Zeit in Kunstwerke verwandelt. Ihre holzgeschnitzten Wassertröge beispielsweise verschönern sie durch Brandmalereien, während sie ihre Fett- und Milchbehälter aus Kamelhaut mit Perlen und Kaurimuscheln verzieren. Der Turkana-Mann, traditionell ein Hirte und ein Jäger, ist außerhalb seines Heims nur selten ohne seinen Speer, sein Messer und seinen Schutzschild aus Büffel-, Giraffen- oder Flusspferdhaut anzutreffen. Turkana-Frauen hingegen machen sich schön durch Armbänder und Holzringe aus Messing oder Aluminium sowie mit ihren schier überbordenden Mengen an Perlenschnüren. Inzwischen hat aber die westliche Zivilisation ihren Einzug in das Leben der Turkana gehalten. Transistorradios haben schon längst die Buschtrommel verdrängt. Dank neuer Verkehrswege sind sich die Clans näher gerückt. Durch künstliche Bewässerung am Turkwell- und Kerio-Fluss sowie mit Fischerei-Kooperationen am westlichen Turkanasee versucht die Regierung, die bisher noch nomadischen Turkana sesshaft zu machen. Das Turkwell-Gorge-Projekt etwa soll elektrischen Strom für die dort geschaffenen Agrarsiedlungen zur Verfügung stellen.
Die Samburu
Der Stamm der Samburu lebt im Norden Kenias auf einem Gebiet von zirka 28 490 km², das sowohl das Lerogi Plateau mit seinen Zedernwäldern als auch das trockene Buschland des Nordens einschließt. Die Stadt Maralal ist Sitz der Bezirksverwaltung der Samburu-Region. Kulturell wie auch sprachlich sind die Samburu den Masai eng verwandt, von denen sie sich im 16. Jh., im Lauf ihrer Wanderungen den Nil hinab nach Süden, abgespalten haben. Der Lebensstil der Samburu hat sich über die Jahre hinweg ebenfalls nur wenig verändert. Dieses Hirtenvolk lebt in niedrigen Hütten aus ineinander verflochtenen und zur besseren Isolierung mit Schlamm und Rinderdung bestrichenen Zweigen. Dachmatten aus Sisal geben oft zusätzlichen Schutz. Jede dieser Hütten ist mit zwei aus Zweigen geflochtenen Betten ausgestattet, die mit Ziegen- oder Rinderhaut bedeckt sind. Im größeren der beiden Betten schläft die Mutter und im kleineren die Kinder.
Auch die Samburu leben polygam, und die Männer besuchen ihre Ehefrauen der Reihe nach. Ein Hauptbestandteil ihrer Nahrung ist eine yoghurtähnliche Dickmilch, die ab und zu mit Blut vermischt wird. Lediglich bei besonderen Anlässen kommt Fleisch auf den Tisch. Der Reichtum einer Samburu-Familie wird an der Anzahl der Kamele, Kühe und Ziegen gemessen, die sie besitzt. Die Samburu schmücken sich mit Perlenschnüren und Metallreifen um Hals und Arme. Gesicht und Körper der Krieger sind mit ockerfarbenem Lehm bemalt, und ihre Frisur ist kunstvoll mit Lehm geformt. Die ockerbemalten Mädchen mit ihren unbedeckten Brüsten und sinnlichen Bewegungen sind für die Krieger der Inbegriff eines verführerischen Schönheitsideals - und sicherlich nicht nur für sie.
Die Rendille
An der Südostseite des Turkana-Sees leben die mit den Somali verwandten Rendille. Über ihren Ursprung berichtet eine ihrer Legenden. Ihr zufolge verirrten sich vor Jahrhunderten neun Somalikrieger beim Kamelhüten und gelangten so schließlich ins Gebiet der Samburu. Deren Stammesälteste erlaubten ihnen zwar die Hochzeit mit Samburufrauen - aber nur unter der Bedingung, dass die Somalikrieger dem Islam und ihren damit verbundenen Bräuchen entsagten - was sie prompt taten und so einen neuen Stamm begründeten, eben die Rendille. Heute leben die halbnomadischen Rendille mit ihren wenigen Milchkamelen teilweise in festen Siedlungen. Auf der Suche nach guten Weideplätzen für ihre großen Kamelherden sind Knaben und junge Männer mitsamt ihren mobilen Lagerstätten in ständiger Bewegung, während Schafe und Ziegen von den Mädchen gehütet werden. Heute noch treiben die nomadischen Rendille wie in vergangenen Zeiten ihre Herden über das Dorngestrüpp der Wüste; in den letzten Jahren erbaute Schulen sollen jedoch die künftigen Generationen auf das moderne Leben der Neuzeit vorbereiten.
Die Boran
In der Turkana-Region lebt auch der Hirtenstamm der Boran, der mit den kuschi tischen Stämmen Südäthiopiens verwandt ist. Die Boran glauben an eine höhere Gottheit, mit der sie durch einen Schamanen sowie durch Opfer und Gebete kommunizieren. Wie bei den meisten afrikanischen Stämmen sind auch bei den Boran die Kinder fest in das Stammesleben eingebunden. Rituale und Feiern begleiten ihre Geburt und Namensgebung. Während die einleitende Zeremonie ausschließlich im Kreise der Verwandten und der engsten Freunde stattfindet, dankt man in einer öffentlichen Feier der höchsten Gottheit und erfleht ihren Segen.
Einem männlichen Kind schert der Vater das Haar, bevor er ihm nach weiteren Zeremonien einen Namen gibt. Am Morgen darauf wird ein vorher gesegneter Rinderbulle geopfert, aus dessen Haut dünne Armbänder für das Kind und seine Verwandten gefertigt werden. Ein Priester weissagt das Geschick des Jungen, und das Fleisch des geopferten Bullen wird gemeinsam verzehrt. Da den Mädchen des Stammes eine geringere Bedeutung zukommt, ist dementsprechend die Zeremonie der Namensgebung viel einfacher. Mit langen Haaren darf sich ein Boran-Jüngling erst wieder zeigen, nachdem er seine Mannestugenden unter Beweis gestellt hat — sei es, dass er einen Löwen, Elefanten oder Krieger aus einem anderen Stamm tötet, oder eine eigene Familie gründet und auf diese Weise seinen Stamm stärkt. Jeder Boran-Stamm ist hierarchisch in fünf Generationsgruppen gegliedert. Alle acht Jahre wechselt ein Boran durch einen jeweils anderen Initiationsritus in die nächste Gruppe, bis er schließlich in die Gruppe der Stammesältesten aufrückt. Die Kultur der Boran hat sich auch in jüngster Zeit trotz aller Schulen und trotz moderner Agrarprojekte, wie etwa jenes am Uaso-Nyiro-Fluss, im Lauf der Jahre nur geringfügig verändert.
Die Suaheli
Als erste nicht-afrikanische Gruppe siedelten sich seit Beginn des 7. Jh. Araber an Kenias Küste an. Aus der Vermischung der moslemischen Araber mit der einheimischen Bantu-Bevölkerung ging die Kultur der Suaheli hervor, die, in Stadtstaaten organisiert, nach nicht allzulanger Zeit an der gesamten ostafrikanischen Küste blühte. Die Suaheli, der Name bedeutet, nichts anderes als Küstenbewohner, stellen auch heute noch einen nennenswerten Anteil der Küstenbevölkerung. Nach wie vor ist es für sie von entscheidender Bedeutung, ob sie aus einer alteingesessenen Familie stammen, denn traditionell leiten sich nur aus dieser Familienzugehörigkeit politische Macht oder die Erlaubnis ab, in bestimmten, bevorzugten Stadtteilen zu siedeln. Das Wohnviertel, mtaa genannt, ist von zentraler Bedeutung für das soziale Leben der Suaheli. Geprägt von einem sehr starken Gefühl der Zusammengehörigkeit, spielt sich das Leben innerhalb eines mtaa ganz auf die Gemeinschaft ausgerichtet ab - man feiert zusammen, arbeitet und handelt miteinander und geht gemeinsam in die Moschee. Die arabischstämmige Gruppe in Kenia lässt sich nach Herkunft und Konfession unterscheiden. Nicht wenige der Einwanderer, die einst in ihren Dhaus von der arabischen Halbinsel nach Ostafrika segelten, kamen aus dem Sultanat Oman. Dazu gehörten auch die Mitglieder des Mazrui-Clans, die nach den Portugiesen in Mombasa herrschten und noch heute eine bedeutende Rolle spielen. Die Mehrheit der über vier Millionen Moslems in Kenia, die heute nicht mehr nur die Küste, sondern mittlerweile die Städte des ganzen Landes bevölkern, sind Sunniten.
Asiaten und Europäer
Der Anteil der Staatsbürger asiatischer Herkunft liegt bei nur 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung, während die Nachfahren europäischer Einwanderer nur verschwindende 0,2 Prozent ausmachen. Diese Bevölkerungsgruppen arbeiten heute hauptsächlich im Handel und in der Industrie (die Europäer spielen in der Landwirtschaft so gut wie keine Rolle mehr!), und deshalb findet man sie in erster Linie in den größeren Städten wie Mombasa, Nairobi, Kisumu und Nakuru. Kenias Küste war schon immer das Einfallstor für verschiedene Nationen gewesen, doch mit der britischen Kolonialzeit verstärkte sich der Zustrom von Europäern und Asiaten beträchtlich. Heute sind viele von ihnen kenianische Bürger, sei es durch Einbürgerung, Heirat oder von Geburt an. Die Kenianer europäischer Herkunft sind die Nachkommen von Siedlern und Missionaren, die das Land meist im späten 19. Jahrhundert betraten. Viele waren Briten, daneben aber auch Deutsche und Holländer. Die Vorfahren der asiatisch-stämmigen Kenianer kamen größtenteils zum Bau der Eisenbahnstrecke Mombasa-Kisumu am Ende des 19. Jh. aus Indien nach Kenia. Von den Briten als Kulis angeheuert, gingen viele von ihnen nach Beendigung der Bauarbeiten wieder nach Indien zurück. Viele aber blieben auch in Kenia. Vor allem waren es die kleinen Händler, die sich eine gute Zukunft in dem aufstrebenden afrikanischen Land versprachen. Doch sie waren nicht die ersten indischen Einwanderer im Land. Schon in vergangenen Zeiten hatten sich indische Seefahrer, aber vor allem Händler an der ostafrikanischen Küste niedergelassen. Auch heute noch ist die indischstämmige Bevölkerung hauptsächlich im Groß-und Einzelhandel tätig. Als der asiatischen Bevölkerung im Zuge der Afrikanisierung nach der Unabhängigkeit die kenianische Staatsangehörigkeit angeboten wurde, lehnten viele Inder das ab und wanderten aus. Die gesellschaftliche Rolle derer, die in Kenia blieben, ist nach wie vor schwierig - nicht zuletzt, weil die meisten Inder in den abgeschlossenen Einheiten ihrer Kasten leben und sich vom Leben der anderen ethnischen Gruppierungen abschließen. Neben den Indern gibt es auch eine kleinere japanische und eine chinesische Bevölkerungsgruppe.
Völkerbegegnung
Die meisten Ausländer kommen heute als Touristen nach Kenia und suchen Erholung und Abenteuer. Die Exotik hat sie angelockt, sein Tierreichtum, die
bezaubernde Landschaft und der herrliche Strand. Fast alle wohnen in komfortablen Hotels an der Küste oder in den Lodges und Camps der Tierreservate. Meist beschränkt sich ihr Kontakt mit der Bevölkerung jedoch auf Bestellungen im Restaurant oder auf kurze Gespräche mit Taxi- oder Safari-Fahrern. Das ist bedauerlich, denn so versäumt man die unschätzbare Erfahrung, Sitten und Gebräuche, Verhaltensweisen und Lebensformen eines anderen Volkes kennen zu lernen und dabei gegenseitige Vorurteile und Missverständnisse abzubauen. Natürlich ist es nicht immer leicht, mit Menschen einer anderen Kultur in Kontakt zu kommen. Voraussetzung sind jedoch in jedem Fall Toleranz und respektvolles Verhalten. Es gibt sicher mehrere Gründe, die die Begegnung zwischen den Besuchern des Landes und seinen Bewohnern verhindern. Eine der Hauptschwierigkeiten bildet zweifelsohne das Sprachproblem. Aber mit etwas gutem Willen von beiden Seiten lässt sich diese Barriere oft besser überbrücken, als man denkt. So spricht zum Beispiel ein großer Teil der kenianischen Bevölkerung Englisch. Doch oft ist es die Ausdrucksweise der Touristen, die eine Verständigung erschwert. Manche Touristen bedienen sich einer Ausdrucksweise, die an die diskriminierende Denkart des Kolonialismus erinnert oder, schlimmer noch, an die Sklavenzeit. Hierzu gehört, dass man die Aufmerksamkeit des Kellners in dezenter Form auf sich lenkt, etwa mit einem unauffälligen „waiter".
Die koloniale Vergangenheit wirkt in den Ländern Afrikas bis heute nach, und Rassismus ist leider noch immer ein Thema - gerade im Zusammenhang mit Touristen, von denen manche dummerweise Unzulänglichkeiten bei der Bedienung, am Flughafen oder in Läden der „Faulheit, Ungeschicklichkeit oder gar Dummheit der Afrikaner" zu¬schreiben. Einmal abgesehen von der Fragwürdigkeit derartiger Vorurteile, steht dem eine völlig andere Realität gegenüber: So spricht fast jeder Kenianer, der im Tourismus arbeitet, in der Regel mehrere Sprachen. (Grundvoraussetzung für die Anstellung in einem Hotel sind gute Englischkenntnisse.) Und ein afrikanischer Hotelmanager steht seinen Kollegen in anderen Ländern der Welt in nichts nach. Wird er einen doch vielleicht damit verblüffen, dass er neben Englisch fließend Französisch, Deutsch oder Italienisch parliert - und möglicherweise eine Hotelfachschule in der Schweiz absolviert hat. Auch der überwiegende Teil des Hotelpersonals kann auf eine ausgezeichnete Ausbildung in einer der Hotelfachschulen Kenias stolz sein. Offenheit für das Neue, für die ungewohnten und fremdartigen Gebräuche eines anderen Landes sollten zur Grundeinstellung eines jeden Reisenden zählen. Darüber hinaus ist zum besseren Verständnis des Reiseziels auch ein wenig Information über dessen soziale und wirtschaftliche Situation von Nutzen. Zu viele Touristen wollen während ihres Urlaubs nicht mit den Problemen eines anderen Landes konfrontiert werden, Armut und Krankheit sollen sich nicht in ihrer Nähe abspielen. Wer aber zum Beispiel bedenkt, dass ein Entwicklungsland wie Kenia ein gut funktionierendes soziales Netz nicht finanzieren kann, wird auch die Bettler nicht immer zurückweisen. Eine der ärgsten Gedankenlosigkeiten von Urlaubern ist das Nacktbaden. Denn einst schafften es christliche Missionare, den Afrikanern einzureden, ihre Nacktheit sei ein Mangel an Kultur und entspräche nicht üblichen Bekleidungsvorstellungen. Und nun sind gerade europäische Touristen darüber entrüstet, dass die Afrikaner das Nackt-und Oben-ohne-baden an ihren Stränden verbieten. Es gibt viele Gründe dafür, dass der Tourismus nicht mehr zur Völkerverständigung beiträgt. Doch es liegt an jedem Einzelnen, diese Situation zu verbessern.
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